Themenabend Bahnstrom: Rückblick und weitere Antworten

An einigen Stellen werden Bahnstromleitungen auf gemeinsamen Masten über der Oberleitung geführt...
Die Akteure des digitalen Themenabend Bahnstrom.

Der Abend des 1. Juli 2021 stand ganz im Zeichen des Bahnstroms: Beim digitalen Themenabend Bahnstrom präsentierte Prof. Dr. Stephan von der TU Dresden sein Gutachten zur Bahnstromversorgung von Nordostbayern und beantwortete zahlreiche Fragen aus der Region. 

Bis zu 110 Interessierte verfolgten den Termin, der von Nürnberg, Dresden und Frankfurt aus live ins Internet übertragen wurde. Nach dem knapp halbstündigen Vortrag von Prof. Dr. Stephan gab es vor allem ausgiebig Zeit für die Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Rund eineinhalb Stunden lang gab der Gutachter seine Einschätzungen zu den aufgeworfenen Themen bekannt. Auch an die Vertreter der DB konnten Fragen adressiert werden. Die Fragestellungen reichten von alternativen Antrieben wie Wasserstoffzügen über die dezentrale Versorgung mittels Umrichterwerken bis hin zu Kostenaspekten. 

Die Aufzeichnung des digitalen Themenabends ist unter folgendem Link verfügbar:
https://www.db-buergerdialog.de/themenabend_bahnstrom

Sollten weiterhin Fragen offen geblieben sein oder sollten Sie weitere Anliegen haben, schreiben Sie uns immer gerne über das Kontaktformular

Insgesamt wurden in dem mehr als zweistündigen Termin rund 300 Nachrichten im Chat übermittelt, darunter Fragen, Anregungen und Kommentare. Da nicht alle Fragestellungen während des Termins angesprochen werden konnten, liefern wir gerne hier weitere Antworten der DB bzw. der TU Dresden nach.

Themenabend Bahnstrom: Offene Fragen

Wurden in dem Gutachten steigende Rohstoffpreise (z. B. für Stahl für die Freileitungs-Masten) berücksichtigt?

Ja. Für die Bewertung der Kosten wurden langjährige, i. d. R. auf mehreren Quellen beruhende Kostensätze angesetzt, die bereits Schwankungen enthalten. Bei Bahnstromleitungen sind die Kosten tendenziell hoch angesetzt, um eine Bevorteilung von Varianten mit hohem Freileitungsanteil ausschließen zu können.

 

Erzeugt Datteln 4 nicht auch „normalen Strom“ und dieser muss in Bahnstrom gewandelt werden? Müssen diese nicht dann auch nach den 25 bis 35 Jahren gewechselt werden? Wo ist jetzt der Unterschied, ob ein Wandler bei Datteln 4 steht oder dezentral in der Region?

Das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 hat eine installierte Nettowirkleistung von 1.050 MW und wird nach dem Kohlekompromiss der Bundesregierung (Merkel IV) spätestens im Jahr 2038 außer Betrieb genommen. In Datteln befindet sich ebenfalls ein zentrales Umrichterwerk mit 404 (4x 101) MW installierter Leistung (16,7 Hz-Seite), welches den „Landesstrom“ in „Bahnstrom“ umwandelt.

Für die Bahnelektrifizierung in Nordostbayern sind das Kraftwerk Datteln 4 und das zentrale Umrichterwerk Datteln nicht relevant, weil diese für eine Energieübertragung in die Region Nordostbayern erstens zu weit entfernt sind und zweitens das Kraftwerk Dattel 4 spätestens im Jahr 2038 – also ungefähr zur geplanten Inbetriebnahme der elektrifizierten Strecken in Nordostbayern – außer Betrieb geht. Inwiefern das zentrale Umrichterwerk Datteln (Inbetriebnahme 2014) nach einer technischen Lebensdauer von ca. 30 Jahren an demselben Standort oder an einem anderen Standort ersetzt wird, stellt eine Entscheidung des Betreibers dar.

 

Wie zeitgemäß und zukunftsorientiert sind zwei unabhängige Energienetze parallel zueinander? [Anmerkung TUD: Gemeint sind das Landesnetz und das 110 kV-Bahnstromnetz.]

Sehr zeitgemäß und zukunftsorientiert: Die zentrale Bahnenergieversorgung im Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es bei dem vorhandenen dichten Netz an elektrifizierten Bahnstrecken eine technisch sinnvolle, wirtschaftliche und nachhaltige Lösung. Dies bestätigt eine Studie aus dem 2012, in der im Auftrag der Bundesnetzagentur u. a. die vollständige oder teilweise Dezentralisierung der deutschen Bahnenergieversorgung untersucht wurde, um die freiwerdenden Bahnstromleitungstrassen für neue Übertragungsleitungen nutzen zu können – Ergebnis: „Aus technischer, bahnbetrieblicher und betriebswirtschaftlicher Sicht ist der Weiterbetrieb des vorhandenen zentralen Bahnstromnetzes […] die eindeutige Vorzugslösung.“

 

Wie alt ist die älteste im täglichen Betrieb befindliche E-Lok?

In Deutschland dürfte die älteste im täglichen Betrieb (ohne Museumsbahnen) befindliche Elektrolok eine der Bundesbahn-Baureihen E 10 oder E 40 sein, welche als sogenannte Einheitslokomotiven in den Jahren 1957 bis 1969 bzw. 1957 bis 1973 in Dienst gestellt wurden. Der größte Anteil der Fahrzeuge dieser Baureihen wurde jedoch schon ausgemustert und verschrottet.

Generell besitzen elektrische Vollbahn-Triebfahrzeuge i. d. R. eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Zum Beispiel wird die ICE 1-Flotte, welche im Jahr 1991 den Betrieb aufnahm, gegenwärtig für einen Weiterbetrieb bis ins Jahr 2030 ertüchtigt (zweites Redesign).

 

Wird bei der Planung der Bahnenergieversorgung auch genügend auf das bestehende Bahnstromnetz eingegangen, z. B. auf „Wachstumspotenzial“ und Netzstabilität?

Ja. Diese Aspekte wurden und werden bei der Auslegung und Planung der Bahnenergieversorgung berücksichtigt.

 

Warum wird keine Kombination einer zentralen Lösung (mit Bahnstromleitungen und Unterwerken) und einer dezentralen Lösung versucht?

Mischvarianten mit teilweise zentraler und teilweise dezentraler Speisung sind in der breiten Variantenbildung der Studie (siehe Kapitel 5) ausdrücklich abgebildet und werden somit bewertet. Es zeigt sich, dass diese eindeutig deutliche wirtschaftliche Nachteile aufweisen (siehe Kapitel 7.2.3).  Derartige Mischvarianten können in weiteren Planungsschritten nicht berücksichtigt werden, weil für die Bewilligung der öffentlichen Mittel Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit (Minimalprinzip) bei der Planung einzuhalten sind. Daher kann für derartige Varianten keine gutachterliche Empfehlung ausgesprochen werden.

 

Wie werden die Hersbrucker Alb und der Veldensteiner Forst als „besonders sensible Gebiete“ umgangen?

Für alle in der Variantenbildung enthaltenen Bahnstromleitungen wurden im Rahmen der Studie (ggf. mehrere) Varianten für Bahnstromleitungstrassen möglichst unter Umgehung von Siedlungen und Schutzgebieten untersucht (für die Hersbrucker Alb in den Untersuchungsabschnitten 7, 9 und 10; siehe Kapitel 6.7.8, 6.7.9 und 6.7.11). Dabei wurden Vorzugstrassen abgeleitet, die für die wirtschaftliche Bewertung angesetzt wurden. Im Ergebnis kann festgestellt werden, dass im gesamten Untersuchungsraum die raumplanerischen Voraussetzungen für Freileitungstrassen grundlegend gegeben sind.

 

In weiteren Planungsschritten kann auf Grundlage von demokratisch beschlossenen Verfahren (Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren) eine Vorzugstrasse festgelegt und für diese Baurecht hergestellt werden. Der Veldensteiner Forst wird im Rahmen der Studie nicht von Bahnstromleitungstrassen berührt.

 

Wurden Natura 2000-Schutzgebiete in der Studie berücksichtigt?

Zum Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 der EU gehören in Deutschland FFH- und Vogelschutzgebiete. Diese wurden in der Studie bei der Bewertung von Trassenführungen berücksichtigt (siehe Kapitel 6).

 

Aber warum fördert dann die Bundesregierung alternative Schienenfahrzeuge???

Der Einsatz von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben (insb. Akku- oder Wasserstofftriebzüge) ist dort sinnvoll, wo keine hohen Verkehrsleistungen erbracht werden, also auf Strecken mit nahezu ausschließlich Nahverkehr und geringen Taktfrequenzen. So können die noch vorhandenen Dieseltriebzüge abgelöst werden.

Akkutriebfahrzeuge beziehen dabei den überwiegenden Teil ihrer Energie aus vorhandenen Oberleitungen. Für einen zuverlässigen Betrieb müssen teilweise Oberleitungsanlagen erweitert bzw. verlängert werden.

 

Hat China die gleiche Frequenz?

In der Landesenergieversorgung hat China mit 50 Hz die gleiche Netzfrequenz wie Deutschland. Anders als in Deutschland wird das chinesische Eisenbahnsystem ebenso mit Landesnetzfrequenz versorgt. In Deutschland (sowie in Norwegen, Schweden, Österreich und der Schweiz) wird Eisenbahn mit einer niedrigeren Sonderfrequenz von einem Drittel der Netzfrequenz (16 2/3 Hz bzw. 16,7 Hz im zentralen, frequenzelastisch betriebenen Bahnstromnetz) gespeist.

Grund hierfür waren die in der Anfangszeit der Bahnelektrifizierung mit Wechselstrom (Anfang des 20. Jahrhunderts) ausschließlich verfügbaren Motoren (sogenannte Einphasen-Reihenschlussmaschinen), die bei einer höheren Frequenz aufgrund von Funkenbildung („Bürstenfeuer“) nicht sinnvoll betrieben werden konnten. Mit dem Aufkommen von leistungselektronischen Gleichrichterschaltungen ab ca. den 1950er-Jahren wurde auch die Bahnelektrifizierung mit Frequenzen von 50 Hz bzw. 60 Hz in anderen Teilen der Welt technisch möglich.

 

Wir wollen eine Energiewende und nun bauen wir Technik die Herr Prof. Stephan sagt die 70 Jahre lang lebt. Da ist diese Technik überholt.

Im Gegenteil. Freileitungen und Oberleitungen besitzen als ausschließlich passive Betriebsmittel einen sehr hohen Übertragungswirkungsgrad und eine sehr hohe Verfügbarkeit bei einem gleichzeitig verhältnismäßig geringen Eingriff in die Umwelt. Daher wird es auch in 100 Jahren mit höchster Wahrscheinlichkeit noch Elektroenergieübertragung u. a. mit Freileitungen und Bahnenergieversorgung mit Oberleitungen (und in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch mit 110 kV-Bahnstromleitungen) geben. Gerade für die Energiewende und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors ist u. a. der massive Ausbau von Elektroenergienetzen auf allen Spannungsebenen erforderlich, denn es gibt absehbar keine Energieübertragungstechnologien mit vergleichbarer Effizienz und Lebensdauer.


Wie zukunftsträchtig sind Lösungen die auf doppelter Infrastruktur setzen, bei der eine davon bereits an ihren Grenzen betrieben wird?

Siehe vorausgehende Frage und dazugehörige Antwort.

 

mich würde auch interessieren wie man diese Zahl 100000t CO2 Einsparung ermittelt hat???

Die Zahl wurde von einem Bundesgutachter für den Bundesverkehrswegeplan ermittelt. Dabei werden nach Kenntnis der DB beispielsweise der Wegfall der Emissionen der Dieselzüge oder Verlagerungen vieler LKW- und PKW-Fahrten von der Straße auf die Schiene berücksichtigt.

Würden Deckenstromschienen in den Tunnels die Aufweitung nicht überflüssig machen?

Eine sogenannte Deckenstromschiene ist eine besonders platzsparende Konstruktion zur Versorgung von Zügen mit Strom. Diese Technik wird von der DB bereits an verschiedenen anderen Bahnstrecken eingesetzt. Im Vergleich zur herkömmlichen Form – einer Oberleitung – spart die Deckenstromschiene nochmal einige Zentimeter Höhe ein. Da die Tunnel im Pegnitztal jedoch schon für einen elektrischen Zug mit Stromabnehmer zu niedrig sind, ist der Einsatz einer Deckenstromschiene unter Berücksichtigung der anerkannten Regeln der Technik keine Lösung.

DB hat versäumt, gemeinsame Planungen mit Fa. TenneT zu machen, um Bahnstromleitungen auf den Masten des Ostbayernrings mitzuführen. Stattdessen: wieder Masten, wieder Leitungen, Neubetroffenheit!!

Die Planungen zur Bahnstromversorgung in dieser Form konnten erst angestellt werden nachdem die Strecke Marktredwitz-Regensburg beauftragt und die Strecke Nürnberg-Schwandorf in den vordringlichen Bedarf aufgenommen wurde (November 2018). Natürlich haben wir uns u.a. mit Tennet zum Thema Mitführung ausgetauscht. Die Tennet befindet sich mit dem Ostbayernring in der Planung bzw. Realisierung eines Ersatzneubaus je nach räumlichen Planungsabschnitt in unterschiedlichen Leistungs- und Genehmigungsphasen. Der Ausbau des Ostbayernrings hat sowohl versorgungstechnisch als auch zeitlich eine sehr hohe Priorität. Eine Verknüpfung und damit Bindung an ein nachfolgendes Planungsvorhaben hätte für das vorauslaufende Projekt große Verzögerungen zu Folge.

Die Fragen zu dezentral vs zentrale Versorgung scheinen ignoriert zu werden… Wie oben gesagt: Warum werden ins Raumordnungsverfahren die dezentralen Varianten nicht mit einbezogen?!?

Die DB ist durch das Gutachten der TU Dresden darin bestärkt, dass ein Anschluss von Nordostbayern an das zentrale deutsche Bahnstromnetz die sinnvollste Lösung ist. Daher werden wir auch die Raumordnungsverfahren in diesem Sinne angehen.

Lässt sich abschnittsweise eine tatsächliche Bündelung umsetzen, also nicht parallel die Errichtung einer zweiten Trasse, sondern die Nutzung schon bestehender Masten des öffentlichen Netzes?

Technisch ist es grundsätzlich in hochsensiblen, lokal begrenzten Abschnitten auch möglich, die Bahnstromleitungen auf den Strommasten anderer Leitungen mitzuführen – ohne eigene Bahnstrommasten zu bauen. Dies kann die DB aber natürlich nicht allein entscheiden und stimmt sich mit weiteren Betreibern dazu ab. Vor allem an besonders herausfordernden Stellen mit engen Platzverhältnissen strebt die DB die Zusammenarbeit mit anderen Betreibern an. Dazu ist immer eine genaue Prüfung nötig: Tragen die bestehenden Strommaste die zusätzlichen Leitungen? Wie beeinflussen sich die beiden Stromsysteme? Und ist der Partner gewillt unsere Leitungen mitzutragen?

Neben Hersbruck Süd laufen z.B. schon 2 Starkstromleitungen direkt neben dem Wohngebiet. Es wäre untragbar für die Anwohner hier eine 3.Stromleitung zu bauen! Wie soll das werden???

Für diesen Bereich prüfen wir zwei alternative Varianten: Eine Bündelung mit den bestehenden Stromleitungen oder mit der Bahnstrecke. Beide Varianten bringen Betroffenheiten mit sich, siehe auch vorige Frage.

Warum werden wir Bürger nicht eingebunden?

Die DB hat schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die noch offenen Planungen, Entwürfe und Überlegungen öffentlich gemacht und Bürgerinnen und Bürger dazu eingeladen, Vorschläge zu machen und sich zu beteiligen. Ein Beispiel ist der Themenabend, an dem Sie teilgenommen haben. Das Gutachten der TU Dresden wurde gemeinsam mit der BI „Bahnstrom - so nicht“ erarbeitet und beauftragt. Auch im weiteren Prozess wird dies fortgesetzt werden.

@DB: inwiefern teilen Sie der Politik mit "technisch ist alles möglich", BEVOR Sie in das Raumordnungsverfahren gehen? Wird dies noch diskutiert?

Das Gutachten wurde nicht nur der Öffentlichkeit vorgestellt, sondern selbstverständlich auch der Politik sowie den Behörden zugänglich gemacht.

Zurück

Aktuelles

Mediathek

Kontakt